Interview

Henning Rabe über Kunst, Reisen und die Einsatz-Romane

Eine bearbeitete Webfassung auf Grundlage des vorliegenden Interviews. Inhaltlich nah am Original, sprachlich leicht gestrafft.

Henning Rabe

"Ich habe die Massenbegeisterung immer verdächtig gefunden."

Aus dem Gespräch über Kunst, Haltung und den neuen Roman Einsatz in Donezk.

Über Herkunft und künstlerischen Antrieb

In der DDR gab es eine starke gesellschaftliche Gleichschaltung. Welche Rolle spielte dieser Hintergrund für deinen künstlerischen Weg?

Ich komme aus einer Generation, die für ein hohes Maß an Individualität gekämpft hat. Wir wollten uns nicht mehr in einfache Lager pressen lassen. Der Wunsch, sich frei zu bewegen, eine eigene Meinung zu entwickeln und sie offen auszusprechen, war ein starker Motor. Aus dieser Reibung ist auch viel Kunst entstanden.

Wie hast du diese Erfahrung künstlerisch verarbeitet?

Ich habe früh mit Rollen, Übertreibung und Persiflage gearbeitet. Erst auf kleinen Bühnen, später mit Iron Henning. Mich hat immer interessiert, wie viel Zumutung ein Publikum aushält. Schlechte Imitation kann manchmal ehrlicher sein als glattes Entertainment.

Über Reisen und Zwischenwelten

Deine Texte führen oft in postsowjetische Regionen. Was zieht dich dorthin?

Mich interessieren Übergänge, Bruchstellen, Gegenden, in denen alte Strukturen noch sichtbar sind und die Realität trotzdem längst weitergezogen ist. Kirgistan, Armenien, Georgien, die Ukraine - dort ist vieles unmittelbarer, ungeschminkter, oft improvisierter. Da, wo der Putz bröckelt, beginnen für mich die Geschichten.

Ist das klassische Reiseliteratur?

Eher nicht. Ich schreibe keine Postkarten-Idyllen. Meine Texte sind ein Destillat aus Eindrücken, Gesprächen, Bildern, Atmosphären. Eine Mischung aus Poesie, Reportage und Abenteuer. Mich interessieren nicht die Aussichtspunkte, sondern die Risse.

Über Eisenmann

Wer ist Henrik Eisenmann?

Eisenmann ist ein Antiheld. Einer, der gleichzeitig richtig und falsch liegen kann. Er bewegt sich zwischen Systemen, ist nie ganz zeitgemäß und selten wirklich komfortabel unterwegs. Gerade deshalb eignet er sich gut für Geschichten, in denen einfache Lagerzuordnungen nicht mehr funktionieren.

Was zeichnet die Einsatz-Romane aus?

Sie spielen mit dem Agentengenre, aber sie bedienen es nicht brav. Mich interessieren keine glatten Helden und keine eindeutigen Siege. Die Romane sind kantig, manchmal komisch, manchmal unerquicklich, oft widersprüchlich - so wie die Wirklichkeit, aus der sie stammen.

Über Einsatz in Donezk

Worum geht es im neuen Roman?

Wieder gerät Eisenmann in ein Abenteuer, das er sich nicht bestellt hat. Auf dem Papier sieht alles nach klaren Fronten aus. Je tiefer er hineingerät, desto mehr wird daraus eine graue, klebrige Gemengelage aus Interessen, Verstrickungen, Missverständnissen und sehr realen Machtspielen.

Nimmst du dabei politisch Stellung?

Ich vermeide Fanblock-Logik. Mich interessieren Menschen, nicht Fahnen. Meine Figuren bewegen sich in Konflikten, in denen es keine sauberen Hände gibt. Alle Seiten haben Gründe, alle Seiten haben Schuld. Mich interessiert die Reibung, nicht die Hymne.

Über das Cover

Auf dem Cover geben sich ein ukrainischer und ein russischer Soldat die Hand. Was bedeutet das?

Das Motiv zeigt den Wunsch vieler Menschen nach einem Moment der Versöhnung - unabhängig von politischen Lagern. Gerade deshalb wirkt es heute irritierend. Versöhnung ist plötzlich selbst schon Provokation. Mich interessiert genau dieser Punkt: Was empfinden Menschen, wenn ein Bild nicht sofort in ihre Schubladen passt?

Über Kunstformen und Botschaft

Was verbindet Musik, Reisen, Schreiben und die Figur Eisenmann?

Reibung. Erwartungen unterlaufen, Perspektiven verschieben, am Lack der Gewissheiten kratzen. Reisen ist dabei mein Korrektiv, Schreiben das Werkzeug und Eisenmann die Figur, mit der sich diese Spannungen erzählerisch verdichten lassen.

Gibt es eine Botschaft?

Vielleicht nur diese: Schalte das eigene Gehirn ein. Geh offen durch die Welt. Reduziere Erwartungen - an andere, an Systeme, an Perfektion. Und bleib menschlich, auch wenn alles ringsum so tut, als wäre das eine Schwäche.